Roma und Gadsche revisited

Joseph Haydn schrieb für einen befreundeten Roma-Musiker sein berühmtes Rondo alla Zingarese, der junge Brahms spielte zusammen mit einem Zigeunergeiger in zweifelhaften Hamburger Lokalen zum Tanz auf, Robert Schumann, Dvorak, Manuel de Falla, suchten sehnsuchtsvoll den Kontakt zu einer Volksgruppe, die nicht nur in der Romantik als Symbol für zivilisatorische Ungebundenheit und Naturverbundenheit galt. So schrieb Franz Liszt an einen befreundeten Zigeunermusiker: «Fast möchte ich dich beneiden, lieber Joszi, dass Du dem zivilisierten Musizieren mit seinen Krämpfen entgehen konntest. Das Geschwätz der Pedanten, Nörgler Kritiker und ihrer ganzen Brut erreicht dich nicht. Ja, du tust gut, dich nicht dem Martyrium des Konzertsaals auszusetzen und die leere Reputation eines ‹richtigen› Geigers zu verschmähen!»

Wohl die meisten Musiker teilen die tiefe Bewunderung des grossen alten Manns von Gstaad, Yehudi Menuhin, für ihre indigenen, ursprünglich aus Indien stammenden Berufskollegen. So beschrieb Pablo Casals während eines Meisterkurs eine für ihn existentiell wichtige Begegnung in einem Budapester Restaurant so: «Zu unseren Ehren spielte ein Zigeuner an unserem Tisch dasselbe Bach-Adagio, das Sie selber gerade gespielt haben. Es war der feurigste, freieste und beste Bach, den ich je gehört habe. Der Mann spielte unzensiert und aus vollem Herzen, und dazu möchte ich Sie als klassische Musiker alle ermutigen: Legen sie die Konvention beiseite und spielen Sie wie Bach unzweifelhaft selber gespielt hat: Mit grösstmöglicher innerer und äusserer Freiheit!»

Beim diesjährigen Projekt «Tout le Monde du Violon» soll vor allem die gegenseitige  Beeinflussung klassischer Musik und der kulturellen Traditionen der Zigeuner thematisiert werden. So wird ein nur aus Sinti und Roma bestehendes klassisches Symphonieorchester unter Leitung des Roma-Dirigenten Riccardo Sahiti «Zigeuner»-Musik westlicher Komponisten von Brahms bis Sarasate interpretieren, die «Ella Fitzgerald» des Zigeunergesangs Ida Kelarova tritt zusammen mit ihrem grandiosen Ensemble auf, Kindergruppen aus tschechischen Roma-Ghettos tanzen und singen einmal mehr zusammen mit Kindern aus Gstaad, Flamenco-Musiker aus Granada treffen auf «Barfus»-Musiker aus entlegenen Dörfern der Slovakei und der Ukraine, und mittendrin hochvirtuose «Gadsche» (d. h. nicht-Roma) aus Frankreich, Italien und Deutschland, die entsprechende Kompositionen von Haydn, Brahms, de Falla, Albéniz und Ravel aus dem Geist der Zigeuner heraus interpretieren. Wie schon beim Menuhin Festival 2010 («… ein farbiges, phänomenal vielseitiges, ungemein mitreissendes Fest mit schier unglaublichen Soloauftritten», Thuner Tagblatt) soll der Abschlussabend im Zelt von Gstaad ein grandioses Happening werden, bei dem kein Auge trocken bleibt. Und bei dem wiederum praktisch bewiesen werden soll, was Yehudi Menuhin vor dem europäischen Parlament in Brüssel folgendermassen formulierte: «Die Sinti und Roma sind ein unverdientes Geschenk an die europäische Zivilisation!»

Volker Biesenbender